Wie es mich befreite ...

Wie fühlt es sich an? Wie kommt man dazu? Was bewegt einen Menschen dazu, sich selbst zu verstümmeln?

Solche und ähnliche Fragen begegneten mir über die Jahre häufig ..

Nun ... ich werde es erklären ...

 

Schneiden ... Das Blut ... Die Schnitte auf der Haut spüren ... 

Erlösung ... Entspannung ... Vergessenheit ... Verzweiflung ... Sucht ...

 

Solche und ähnliche Gefühle kamen auf, wenn ich mich schnitt. Tief und lang mussten sie sein. Die Gründe dafür waren ganz verschieden. Mal war es der Stress Zu Hause, mal der Druck in der Schule. Oder es holte mich (wie so oft in den letzten Jahren) die Vergangenheit wieder ein.

Dieser Druck ... Diese Beklemmungen ... diese innere Unruhe. Ich hielt es nicht aus. Ich konnte mich nicht bewegen, ich konnte nicht denken ... ich konnte nicht atmen. Eine Schlinge legte sich um meinen Hals, sie schnürrte mir die Luft Stunde um Stunde immer mehr ab.

Diese Erinnerungen ... an die Vergangenheit, die Ängste, anderen Menschen mein Leid zu klagen, die Schuld, die ich mir für das alles gab.

Ich sah keinen Ausweg mehr. Ich war ferngesteuert. Ferngesteuert von meinem eigenen Körper. 

 

Der erste Schnitt bereitete mir höllische Schmerzen. Der Zweite fühlte sich nicht mehr so schlimm an. Und dann kam der Dritte ... der Vierte ... und so weiter. Bis mein Arm mit Blut übersäht war, dass von meinem Arm auf den Boden tropfte.

Und es tat gut. Wie eine Erlösung. Der Druck verschwand, alle Ängste waren vergessen. Ein Ventil, welches sich endlich öffnete.

Dieser Druck, der binnen 10 Minuten aufkam, war mit einem mal verflogen. Eine Befreiung, nach der sich mein Körper sehnte. Es kommt ähnlich eines Orgasmus. Ein Orgasmus für die Seele.

Man kann sagen, meine Seele spiegelte sich nach Außen wieder.

Ich trug meine Wunden offen ... Sollten die Leute doch sehen, dass ich ein Wrack bin. Wen interessiert das schon?! Es ist mein Leben. Und wenn ich mich bis auf den Knopfen schneide, es ist meine Entscheidung, was ich mit meinem Körper anstelle.

Ich fand Gefallen an dem, was ich tat. Dabei wusste ich, dass es nicht richtig ist, was ich da mache. Doch ich konnte nicht aufhören. Wie eine Sucht sehnte ich mich nach der Klinge oder sonstigen spitzen Gegenständen. Sie wurden mehr, sie wurden tiefer ... doch irgendwann hörte dieses Gefühl der Freiheit auf. 

 

Nach fast einem Jahr begann ich meine Therapie. Und es war die Hölle. Alles, was ich mit dem Schneiden erfolgreich verdrängen konnte, wurde mir in die Fresse gehauen. Und ich kam nicht raus aus dieser Qual.

Es gab viele Rückschläge.

Doch mein Schutzengel in Menschengestalt gab mich nie auf. Ich konnte mich noch so oft schneiden, sie machte mir keine Vorwürfe. Sie war verständnisvoll. Sie half mir auf die Beine. Woche um Woche wurde es einfacher.

 

Die Narben zieren heute noch meine Arme. Und jede Narbe steht für eine Geschichte. Eine Geschichte, die ich bis dato niemanden anvertrauen konnte.

Natürlich kommen häufig noch die Fragen, was dasfür Narben sind. Und ich ... ich erzähle den Leuten das Gleiche wie hier. Natürlich nicht so detailiert. 

Diese Narben stehen für ein ganzes Leben ... Ein Leben voller Leid und Qualen, Erfahrungen, die ich in meinem Leben machte musste und sie nicht wollte. Erfahrungen, die meine Seele ohne Hilfe nicht verarbeiten konnte.

Ich bereue keiner dieser narben. Denn diese Narben haben mich um einiges gelernt und ein Stück erwachsen gemacht.

Ich verdanke diesem Schutzengel mein Leben. Sie gab mir den Mut zum Leben wieder. Sie gab mir ein zweites Leben. Ein neues Leben. Ich werde dieser Frau ein Leben lang dankbar für das sein, was sie alles für mich getan hat.

 

Carpe diem

eure emmi

 

12.11.15 17:09

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